Analoge und digitale Lebensweise

Die Herausforderungen der digitalen Revolution für die psychische Gesundheit meistern

Jenseits der reinen Psychotherapie wird im Kloster Dießen nach der Überzeugung gehandelt und behandelt, dass eine umfassende Gesundheit erheblich davon abhängt, ob der Mensch bewusst mit seinen Ressourcen umgeht. Die ausdrückliche Betonung dieser Aspekte liegt nicht zuletzt deshalb so nahe, weil sich im Zuge der Digitalisierung eine fundamentale Umwälzung des privaten und professionellen Alltagslebens eingestellt hat. Im Zuge dessen wenden wir uns ab von den realen, natürlichen und kulturellen Lebensbedingungen, drohen immer mehr den unmittelbaren Bezug zur physischen Welt, zu realen Menschen und am Ende auch zu uns selbst zu verlieren.

Die digitale Revolution stellt alles in Frage und uns damit vor immer neue Probleme und Aufgaben. Gerade die Beschleunigungen und Disruptionen der digitalen Veränderungsprozesse sind für den Zuwachs an psychosomatischen Störungen verantwortlich zu machen. Die fortwährenden Veränderungen und die Sorge darum, ob die eigene Arbeitskraft reicht oder ob man überhaupt noch gebraucht wird, wenn man immer mehr mit Algorithmen und Robotern in Konkurrenz steht, können zu Angststörungen führen. Vor allem aber erleben Erschöpfungsdepressionen gerade einen dramatischen Zuwachs, ob sie nun auf die Kräfteaufzehrung im Burnout oder auf die Sinnentleerung eines Boreout zurückgehen. Von stressbezogenen psychischen Erkrankungen im Zusammenhang mit Arbeitssucht und Auszehrung sind in zunehmenden Maße nicht nur Menschen in Medizin, Pädagogik und Theologie betroffen, sondern auch im Management der Wirtschaft und damit auch immer mehr Männer. Diesen Zielgruppen besonders zugeschnittene Therapieangebote zu offerieren, liegt im besonderen Interesse der Klinik. Das im Zusammenhang mit der Digitalisierung augenfälligste neuartige Krankheitsbild ist die Internetabhängigkeit, für die ebenfalls ein spezifisches Therapieangebot vorgehalten wird.

Die digitale Revolution bietet aber nicht nur Risiken sondern auch Chancen, die nicht zuletzt auch in der Psychotherapie von Nutzen sind. Die Psychosomatik hat sich frühzeitig mit den Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Medien und des Internets beschäftigt. Dies soll auch in Dießen praktiziert werden. Wir stehen auf dem Standpunkt, dass die digitale Revolution unausweichlich ist und zum Nutzen des Menschen gestaltet werden kann. Es geht darum dafür Sorge zu tragen, dass die Medien zu allererst dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. In diesem Sinne werden wir auch neueste digitale Technologien in der Psychotherapie einsetzen. Dafür wird ein Medienraum eingerichtet, in dem unter anderem Virtual Reality Techniken zum Einsatz kommen, die beispielsweise bei der Expositionstherapie von Menschen mit Angsterkrankungen und posttraumatischen Belastungsstörungen genutzt werden. Außerdem können dort Menschen mit abhängiger Internetnutzung einen funktionalen Umgang mit Computern erlernen.

Digitale Technologien können aber auch im engeren Sinne von Psychotherapie eine sinnvolle Anwendung erfahren, insbesondere dann, wenn sie das psychotherapeutische Geschehen möglichst naturgetreu und damit beziehungsstiftend per Webcam und Mikrophon abzubilden vermögen. Vor- und Nachgespräche zur stationären Behandlung werden im Rahmen eines sicheren telemedizinischen Videokonferenzsystem in Dießen geführt, um auch mit denjenigen Patienten kommunizieren zu können, die weit weg wohnen und in der Klinik behandelt werden möchten beziehungsweise wurden. Dies hat sich unter anderem in dem von Dr. te Wildt geleiteten und vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Online-Ambulanz Service für Internetsüchtige (OASIS), der in Dießen fortgeführt werden wird, bewährt. Im Zuge der digitalen Revolution entstehen weitere psychotherapeutische Anwendungsmöglichkeiten, die wohlüberlegt auch in der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen entwickelt und zum Einsatz kommen sollen.

Es geht hier folglich nicht darum, die digitalen und analogen Lebenswelten gegeneinander auszuspielen. Sondern es soll vielmehr um eine Integration von virtuellen und realen Existenzweisen gehen, dies auch ganz konkret im Rahmen der klinischen Arbeit unter anderem aber nicht allein mit Internetabhängigen, die exemplarisch als Prototypen einer Fehlentwicklung im Sinne einer Desintegration zu verstehen und zu behandeln sind.

Unter der Berücksichtigung der natürlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Umweltbedingungen lassen sich drei Gestaltungsansätze für die  Rahmenbedingungen der Behandlung in der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen zusammenfassen. Von einer eher konservativen, also bewahrenden Perspektive aus geht es darum, die analogen Lebensbedingungen als Ressourcen für eine nachhaltige Gesundung bestmöglich zu nutzen. Hinsichtlich einer progressiven, also fortschrittlichen Perspektive im Hinblick auf die Erfordernisse der rasanten digitalen Entwicklung geht es darum, eine funktionale Nutzung der neuen Technologien in Freizeit und Beruf zu erzielen. Und zuletzt hinsichtlich der Reibungsverluste, die zwischen analogen und digitalen Lebensformen, zwischen den Anforderungen der digitalen Moderne und den Bedürfnissen unserer analogen physischen Verortung entstehen, und die vor allem in Form von Angst, Stress und psychosomatischen Beschwerden als Krankheitsbilder manifest werden, bedarf es eines integrativen ressourcen- und resilienzorientierten Ansatzes, der die Entfremdung zwischen Körper und Geist, zwischen medial manifestierter Psyche und weltlich verortetem Soma zu überwinden vermag.