Psychotherapie in der Nachfolge der Seelsorge

Wenn nun im Kloster Dießen eine Medizin praktiziert wird, die Psychotherapie in den Mittelpunkt stellt, dann folgt dies auch einer historischen Konsequenz. Die Keimzelle der Psychotherapie, die Zwiesprache zwischen Patient und Therapeut, ist nicht zuletzt auch in der Nachfolge dessen zu sehen, was früher das Gespräch zwischen Gläubigen und Geistlichen war.

Priester, Patres und Ordensschwestern waren immer schon und überall auf der Welt diejenigen, mit denen über schwerwiegende Probleme geredet wurde. Ob der König über die Geschicke der Welt oder der Bürger über die seiner Familie sprechen wollte, Geistliche fungierten zumeist als erste Ansprechpartner und Ratgeber. Abgesehen davon, dass es darum ging, vertrauensvoll einem geistlichen Rat zu folgen, verdienten sie sich ihr Vertrauen nicht zuletzt dadurch, dass sie in der Regel überdurchschnittlich gebildet waren.

Im Zuge von Säkularisierung und Aufklärung sowie den damit verbundenen Bildungsidealen schenken wir heute in medizinischen und psychotherapeutischen Fragen eher den der Wissenschaft verpflichteten Ärzten und Psychologen unser Vertrauen. Dass sie geistes- und kulturgeschichtlich ebenfalls in einer Nachfolge stehen, ist weder zu verkennen noch zu vergessen. Die ersten Krankenanstalten sind in und aus Klöstern heraus entstanden. Die Pflege der Kranken und spirituelle Begleitung gehörten damals selbstverständlich zusammen. Noch heute befinden sich gerade auch in Deutschland sehr viele Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft. Medizin und Seelsorge können einander harmonisch ergänzen, wenn sie sich in Haltung und Praxis der Säkularisierung und damit auch der Aufklärung verpflichtet fühlen.
Bei der Berücksichtigung von Spiritualität im klinischen Kontext ist es uns wichtig, dass sich Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen in der Klinik aufgehoben und wertgeschätzt fühlen. Dies gilt selbstverständlich auch für Menschen ohne Religionszugehörigkeit. Für Menschen mit christlichem Hintergrund im Allgemeinen und mit katholischer Konfession im Besonderen bieten das Marienmünster und die Kirche St. Stephan die Möglichkeit, jederzeit einen Ort zur Besinnung aufzusuchen, sakrale Musik zu hören und ihren Glauben in Gottesdiensten zu feiern. In der Klinik selbst zeugen an ausgewählten Stellen Kunstwerke aus der Geschichte des Klosters von der christlichen Weltanschauung. Darüber hinaus bieten der Klostergarten und ein Pilgerweg, der das Gelände durchzieht, die Möglichkeit auch im Freien seinem Glauben buchstäblich nachzugehen.

Religion und Weltanschauung sind aus der Sicht der Klinik in nicht-konfessionell gebundener Trägerschaft Privatangelegenheit. Die Präsenz christlicher Architektur und Symbolik sowie das darin zum Ausdruck kommende historische Erbe kann und will die Klinik allerdings nicht verleugnen.

Wir wollen der gewachsenen religiösen Kultur eine angemessene Referenz erweisen, den Großteil der Räumlichkeiten und Gärten jedoch weitgehend frei von religiöser Symbolik gestalten. Das gilt insbesondere für alle Orte und Räume, in denen unmittelbar Therapie stattfindet, aber auch für die Patientenzimmer. Da die Patientinnen und Patienten ausschließlich in Einzelzimmern untergebracht sind, besteht für alle die Möglichkeit, dort dem persönlichen Glauben Ausdruck zu geben.

Auch für Protestanten und für Angehörige anderer Weltreligionen wie dem Judentum und dem Islam sollen in der Klinik Möglichkeiten zur Seelsorge beziehungsweise geistliche Ansprache angeboten werden. Dies gilt ebenso für fernöstliche Religionen, die gerade auch die moderne Psychotherapie stark positiv beeinflusst haben. Für die Praxis der Meditation mit oder ohne spirituellem Hintergrund wird für alle – Patienten wie Mitarbeiter - ein gemeinsam nutzbarer Raum der Stille eingerichtet. Der ganzheitliche Ansatz der Klinik soll sich gleichsam auch in einer Offenheit im Miteinander gegenüber individuellen Glaubensfragen und Weltanschauungen zeigen.